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Beredte Blicke
von Franz Josef Görtz (Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ)
Übersetzung: Jenna L. Brinning, Januar 2011

Beredte Blicke, doch die Lippen bleiben geschlossen. Oder sind zu einem leisen Lächeln geformt, das vor allem Gelassenheit verrät. Die Hände, bisweilen scheinbar interesselos tief in Mantel- oder Hosentaschen vergraben, verstecken sich an der frischen Seeluft gern in den Ärmeln eines Pullovers, als gehörten sie nicht dazu: Teil einer ganz anderen Geschichte.
Es sind Szenen am Strand, unter Bäumen oder auf freiem Feld, die Martin Plantikow fotografiert hat. Manchmal spielen sie allerdings auch in anonymen Räumen, die man auf irgendeinem Dachboden, in irgendeiner Werkstatt, an einem ganz anderen Ort der Welt vermutet: Kammern, deren Innerem und deren Einrichtung allerdings keiner anzusehen vermag, wer darin lebt, darin wohnt und arbeitet oder nur vorübergehend, ein einziges Mal womöglich, dort zu Gast war, für ein paar Minuten, eine knappe Stunde, einen Nachmittag, eine Woche, eine unendlich langsam verrinnende Zeit.
Es sind bedächtig stillstehende Momente, wie auf Spielplätzen für Randfiguren in Szene gesetzt, allein von der Kamera in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt und für immer festgehalten. Stets sind es beiläufige, meist unscheinbare, vielleicht von niemandem sonst wahrgenommene Augenblicke, die nichts bedeuten wollen, sondern aus einer willkürlichen Zeitenfolge vor das aufmerksame Auge des Fotografen geraten scheinen als Anfang oder Ende eines Geschehens, dessen Verlauf, dessen Anfang und dessen Wendepunkte erst noch zu erzählen wären.
Eine junge Frau - manchmal auch ein Kind, eine alte Dame mit einem kecken Strohhütchen auf den Haaren - steht, sitzt oder liegt allenthalben im Mittelpunkt: abwartend und unentschlossen, erkennbar neugierig oder verhalten tatenfroh, meist im Freien, nur ausnahmsweise einmal hinter Fensterglas nach draußen blickend: nicht unbeteiligt, aber doch mit einigem Abstand. Bisweilen sind Spuren einer unerwartet raschen Bewegung zu sehen, als ob die Spaziergängerin am Strand flüchten wollte, weglaufen oder loslaufen jedenfalls, die Schuhe in der Hand, weil sie barfuß im Sand zweifellos schneller vorankommt und augenscheinlich Eile geboten ist. Aber was oder wer drängt da, lockt da, verführt da wen? Man lässt die Bilder derselben Serie abermals Revue passieren und denkt: Womöglich erwuchs diese plötzliche, dem Betrachter einigermaßen unerklärliche Hast am Sandstrand bloß jungmädchenhaften Übermut, einem jähen, allemal unbeschreiblichen Glücksgefühl in freier Natur, im Anblick der grenzenlos offenen See unter freiem Himmel. Doch wer weiß das verlässlich zu sagen? Und wer will das so genau wissen? Und warum eigentlich? Wie schön, dass man beim Zuschauen auch einiges zu denken hat.
Wir sehen Szenen aus Ahrenshop und Stralsund, Krummenhagen oder Nienhagen in Vorpommern, der Heimat des Fotografen, oder aus Frankfurt am Main, wo Martin Plantikow seit einigen Jahren lebt und arbeitet.

Gelegentlich bleiben die Augen der Damen geschlossen, nur einen flüchtigen Moment lang, so will es scheinen, ohne dass man zu sagen wüsste, warum man in diesen Augenpaaren ein freundliches und ironisch munteres Lächeln zu erkennen glaubt. Eine wohltuend beiläufige, behutsam über allem schwebende Heiterkeit ist in diesen Porträts spürbar, die uns unaufdringlich und ohne Umschweife vorführen, was sie meinen. Sie setzen weibliche Anmut und feminine Würde ins Bild, die natürliche, von allem Kalkül unberührte Schönheit einer jungen Frau, die ganz in sich selbst ruhen will und die Blicke des Fotografen, die immer wieder auf sie fallen, schweigsam und nachdenklich verschwiegen genießt wie den letzten Schnee oder die ersten Sonnenstrahlen.
Zweifellos haben Heather und Heike, Angelina und Brigitte ein Geheimnis. Martin Plantikow hat es fotografiert, ohne es zu verraten. So kommt es ans Licht, aber gibt uns unentwegt, aber gleichsam zwanglos Rätsel auf, sobald wir ein zweites, ein drittes Mal hinschauen – auf die Haare zum Beispiel, mit denen der Wind spielt, wenn sie nicht entschlossen straff und streng nach hinten gekämmt sind. Oder auf die Füße, die mal in schmalen Tretern stecken, mal in geräumigen Stiefeln oder in groben Arbeitsschuhen, die offenbar schon lange ohne Senkel auskommen müssen. Apart, wie Heike vor der Kamera mit ihren wunderschönen langen Haaren den halben Körper verdeckt. Oder, nicht minder züchtig und wohlerzogen, vor dem Fotografen in die Hocke geht, die Arme vor den Knien verschränkt und die Füße in den aus jeder Mode gefallenen Schnürschuhen wie absichtsvoll ungelenk nach innen gestellt.
Schuhe mit Absätzen und Frisuren mit Flechtwerk seien es, denen das weibliche Geschlecht seinen Reiz verdankt, behauptete der Schriftsteller Restif de la Bretonne, einer der heftigsten Widersacher des Marquis de Sade übrigens. Restif lag den Frauen zu Füßen, wenn er ihnen in die Augen schauen wollte. Soviel vermochten in verflossenen Jahrhunderten Stiefel und Stöckelschuhe, Zöpfe und Zausel über die Männer. Rapunzel hat es so erfolgreich ausprobiert wie Judith, die ebenfalls ihre Haare wehen ließ, um den Geliebten wehrlos zu machen. Heike, in jenen Bilderfolgen, die „Eté, amour et poésie“ und „l’infinité du moment“ überschrieben sind, zitiert es mit lächelnder Distinktion.
Gelegentlich hat Martin Plantikow in Farbe fotografiert – als müssten wir doch wissen, wie Hemd und Hose ausschauen, wie die Locken, die Schuhe und Stiefel, wie Angelinas Tanzkleidchen ganz ohne Schatten wirkt oder der Winterpullover, in dem Nerci Unterschlupf sucht. Ja, da schauen wir lange hin, und manche Konturen runden sich in der Tat. Doch Schatten gehört zu diesen Porträts dazu, so sehen wir bald und ahnen, warum die Mehrzahl es bei Schwarz und Weiß belassen hat. Das bedeutet durchaus keine Reduktion, sondern ist ein deutlicher Akzent mehr. Er erleichtert die Wahrnehmung der Kontraste und schärft das Augenmerk auf die Zwischentöne. Man halte Julia in Farbe und mit geschlossenen Augen neben ihre Porträts in Schwarzweiß. Fast wird ein anderes Temperament sichtbar, mindestens jedoch eine andere Temperatur und vielleicht sogar ein dunkleres Timbre. Bei Irina aus dem „Album One“, Brigitte aus dem „Album Two“ und der wunderbaren Lu z ie Krolow aus dem „Album Three“ verhält es sich nicht viel anders. Die Farbe mildert, was in Schwarzweiß grau daherkäme, noch einmal ins Unverbindliche. Ein Effekt, an dem Martin Plantikow aber nicht gelegen ist. Er weicht nie ins Vage und Ungefähre aus, weil er die Genauigkeit und die Verbindlichkeit über alles schätzt. In den Landschaften mögen Maler sich austoben – in den Menschen und ihren Gesichtern liegt das Feld der Fotografen, wenn sie bekennende Menschensammler, verständige und gründliche Charakterforscher sind wie Martin Plantikow. Denn die Fotografie, sagt Kurt Tucholsky, ist unwiderlegbar. Wer sich ein wenig auf Frauen versteht, wird diese Menschenbilder gern ausdauernd anschauen und ihm beipflichten.


von Franz Josef Görtz (FAZ), Übersetzung: Jenna L. Brinning